Tauss

20. Juni 2009 um 23:28 | Veröffentlicht in Allgemeines | 6 Kommentare
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Fangen wir es mal wie einen offenen Brief an:

Sehr geehrter Herr Tauss, lieber Jörg,

in einem Posting auf Abgeordnetenwatch hast du dich gegenüber jemand ausgelassen, der sagte, vor Februar/März hätte er noch nie von dir gehört. Sorry, ich auch nicht. Daran ändern auch die Youtube-Videos nichts, die jetzt auftauchen und anhand deiner Redebeiträge vor diesem Datum zu beweisen versuchen, daß du da schon existiertest. Ich bin natürlich nur durchschnittlich politisch interessiert und erst seit einem guten halben Jahr in der SPD. Außerdem gebe ich besser gleich zu, daß in den blauen Sesseln in Berlin noch hunderte weitere sitzen, die ich auch nicht kenne.

Was ich damit sagen wollte ist, daß ich nicht sicher bin, ob dein Weggang von der Partei einer ist, den ich als kapitalen Verlust buchen muß. Also klar, was du in den letzten Tagen gegen das Zensurgesetz gesagt hast, ließ dich in sympathischem Licht erscheinen und schien obendrein Hand und Fuß zu haben. Ich bin auch ein überzeugter Verfechter der Unschuldsvermutung, sie gilt, konträr zu den Behauptungen einiger eben sehr wohl sogar für den, der die Vorwürfe unumwunden zugibt. Nur ein Richter hat zu befinden, ob die zugegebenen Tatbestände tatsächlich eine Verurteilung rechtfertigen. Und vor den Richter hat der liebe Gott den Staatsanwalt gestellt, und der scheint es ja im konkrekten Fall nicht so eilig zu haben mit der Anklageerhebung – ob er wirklich glaubt, daß sich noch neue Erkenntnisse ergeben, auf die es zu warten lohnt? Oder ob er eher, so sieht es für mich aus, vorhat, dich unter dem Feuer der Vorverurteilungen am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen?

Es ist also einstweilen anzunehmen, daß du kein „schwer Pädokrimineller“ bist, wie #zensursula so gern sagt. Dann wärst du, so der zweite gern geäußerte Vorwurf, zumindest unsäglich blöd? Nun, du hast selbst zumindest sinngemäß gesagt „Karriere weg, Job weg, Haus weg, ganz schön blöd, Tauss.“ Ich glaube ja an das Gute im Menschen, und meine persönlich bevorzugte Version ist die folgende Analogie: Du bist ein Geek, und als Geeks probieren wir eben Dinge aus, wohl jeder von uns Geeks hat schon mal sein Windows zerschossen, und viele von uns hatten dann in genau dem Augenblick, genau so wie jeder DAU, kein gutes Backup da. Und dann ist eben auf einen Schlag alles weg, wofür man lange gearbeitet hat.

Was du genau jetzt machst, Jörg, scheint mir aber der pure Opportunismus zu sein. Du trittst aus der SPD aus? Sorry, du konntest da sowieso nichts mehr gewinnen. Du wirst womöglich erster Abgeordneter der Piratenpartei? Nun, du hast zwar gesagt, du hättest viele Pläne, aber mal ehrlich, hast du viele konkrete Termine für Oktober? Leute, die mit Jobangeboten auf dich zukommen? Ich denke nicht. Weil du eben ein Vorverurteilter bist. Also ist es logisch, du mußt schauen, wo du bleibst.

Denn helfen tust du, glaube ich, außer dir niemand. Die SPD wird „good bye and good riddance“ schreien, die Piraten schreien heute „Hurra“, aber nach dem 27. September sind sie mit dir keinen Deut weiter, da bin ich mir ziemlich sicher. Du selbst aber hast dann einen neuen Absatz im Lebenslauf, und im Augenblick dürftest du dir sagen, solche Absätze brauche ich.

Lieber Jörg, du magst vielleicht ein ganz netter Kerl sein, der da nur in etwas reingerutscht ist, aber jetzt denke ich, sorry, die Welt dreht sich weiter.

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  4. Sorry, aber das ist nicht fair. Ich kenne Tauss virtuell und nicht persönlich seit ca. 1995 wo er immer als einzig kompetenter Bundestagsabgeordneter auffiel. Er war immer ein Rufer in der Wüste. Also seit gut 14 Jahren. Wenn er nun, nachdem es in der SPD immer schlimmer wird und ihm die Genossen allesamt den Rücken kehren jemand ihm Opportunismus vorwirft, so muss das auf Unwissenheit beruhen. Tauss ist der letzte in der SPD, dem man Opportunismus vorwerfen sollte. Auch wenn er vielem zugestimmt hat, wo ich Nein gesagt hätte. Opportunistisch ist doch auch und vor allem der Mainstream der SPD!? Die, die von der Leyen stützen, weil es eben opportun ist. Tauss stand in der SPD mit dem Rücken zur Wand: Keiner glaubte ihm mehr, man wollte ihn am liebsten wegwünschen. Es ist insofern opportun von ihm, weil er keine Alternative sah, aber nicht, weil er, wie viele andere, das Fähnchen immer nach dem Wind hängen würden. Hätte er das immer getan, so wäre er jetzt in einer anderen Situation. Heute steht ja der, der von der Leyen den Mund redet in der SPD als der/die Tolle da.

  5. Thilo, ich habe nicht den Tauss der letzten 15 Jahre beurteilen wollen, ich habe ja direkt zugegeben, daß ich das gar nicht könnte. Opportunismus, „Gelegenheiten ergreifen“, ist ja gerade kein langfristiges planvolles Handeln, sondern dem Augenblick geschuldet. Tauss hat womöglich ehrenvoll gekämpft, ist womöglich schuldlos in eine persönlich traurige Schieflage gerasselt, sah sich dann aber dem Untergang nah und hat aus diesem heraus eine Chance gewittert und – ergriffen. In diesem Handeln sehe ich den Opportunismus, und bei dieser Meinung bleibe ich.

  6. > eine Chance gewittert und – ergriffen

    Das klingt doch erstmal positiv, eine Chance zu egreifen, z.B. mehr Aufmerksamkeit fuer die Piraten zu erzeugen und gegen die Gaengelung im Netz. Oder glaubst du, dass Tauss seine Grundsaetze verraten habe? Ich meine damit nicht, seine Mitgliedschaft in der SPD, denn Parteiloyalitaet beruht auf Gegenseitigkeit oder sie gibt es nicht.


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